Museum Zeitreise Mensch in Kurtatsch bei Bozen

In Kurtatsch in Südtirol kann man Vater und Sohn Siegmund und Wolfgang Schweiggl in ihrem Museum Zeitreise Mensch besuchen und mit ihrer Führung in die Vergangenheit den Südtiroler Handwerks reisen.

Während meiner Recherche für mein Wochenende bin ich zufällig auf die Sonderausstellung Kurioses Recycling gestoßen. Der Beschreibung konnte ich entnehmen, dass es dabei auch um das Thema Upcycling gehen würde und damit war es direkt auch für Marktwelten interessant.

Siebe

Alte Dinge zu neuen upzucycling ist schon lange Trend, so richtig habe ich das Thema hier aber nie behandelt. Obwohl es bei vielen Designern und Kreativen, die ich persönlich kenne, zum täglichen Kreativgeschäft gehört.

Der Mensch war schon immer Sammler

Wir alle kennen die Bezeichnungen Jäger und Sammler für den Menschen. Meistens werden damit aber Menschen gemeint, die lange vor unserer Zeit gelebt haben. Wenn man aber Siegmund Schweiggl kennenlernt, weiß man, Sammler gibt es auch heute noch.

Zitat

„Ich habe schon als Kind alles eingesteckt“, erzählt er mir direkt als ich in durch die große Hofeinfahrt ins Museum trete. Der Hof, in dem ich stehe, scheint zu einem normalen, aber großen Wohnhaus zu gehören. Wo andere eine Biergarnitur haben, steht hier eine Rezeption mit Flyern und dahinter etwas mir nur Unbekanntes, das von einer großen weißen Plane abgedeckt ist.

Siegmund freut sich offensichtlich, dass ich da bin. Per Email hatte ich vorher mein Kommen angekündigt, sonst ist niemand da. Mir steht damit meine erste Museumstour nur für mich persönlich bevor. Wir fangen mit der Sonderausstellung an, denn dafür bin ich ja gekommen.

Kurioses Recycling

Jedes Jahr haben die Schweiggls eine andere Sonderausstellung. In ihrem großen Haus gibt es einen alten Weinkeller mit dazugehörigen Weinfässern natürlich. Vom 1. März bis zum 23. Dezember 2015 kann man die Ausstellung Kurioses Recycling besuchen.

Denn auch Siegmund weiß, dass Upcycling ein aktueller Trend ist. „Was heute Mode ist, wurde aber schon immer gemacht“. Und seine Ausstellung ist der Beweis, dass Upcycling nichts Neues ist. Der Raum ist nicht allzu groß, aber voller Geschichte und Information.

Quelque Jour - an welchem Tag. Heute oder Gestern. Das fragt man sich, wenn man durch Siegmunds Museum läuft.  Mehr Assoziationen zum Thema hier.

Quelque Jour – an welchem Tag. Heute oder Gestern. Das fragt man sich, wenn man durch Siegmunds Museum läuft.
Mehr Assoziationen zum Thema hier.

Hier findet man einen alten Holzkorb, in dem man Äpfel geerntet wurden. Ursprünglich hatte man hier Träger aus Stroh drangemacht, da diese aber stark ins Fleisch geschnitten haben, hatte man die Träger irgendwann aus alten Autoreifen geupcycelt.

Nur ein Beispiel aus vielen. Alte Kriegshelme wurden zu Töpfen und Sieben umfunktioniert, ein Bajonett aus der Zeit der Freiheitskämpfe, das zum Brotschneiden genutzt wurde. Wie mir von Siegmund erzählt wurde, wurde in Südtirol früher nur zweimal im Jahr Brot gebacken. Damit dieses nicht schimmelt, wurde es solange getrocknet bis es Stein hart war. So wurde es gegessen und mit einem Bajonett geschnitten.

Ein Museum mit Geschichte

1976 hat Siegmund Schweiggl das Museum eröffnet. Stolz erzählt er mir: „Das war noch vor dem Landesmuseum“. Das Museum Zeitreise Mensch ist anders als die Museen, an die ich so gewöhnt bin. Es gibt nur wenige Infotafeln. Die Räume sind nicht stringent und penibel geordnet und die Wände weiß und distanziert.

Das Museum Zeitreise Mensch wirkt als würde man in eine noch nie aufgeräumte Garage eines Mehrgenerationenhauses treten. Nur wenn man genau hinsieht, erkennt man, dass hier doch Ordnung herrscht und die Anordnungen der Ausstellungsstücke Sinn ergibt.

Hier kann man die Entwicklung von Düngesprühflaschen sehen. Das Leben (Life) ist immer in Bewegung.

Hier kann man die Entwicklung von Düngesprühflaschen sehen. Das Leben (Life) ist immer in Bewegung.

Siegmund hat dieses Museum ins Leben gerufen. Alle Stücke, die hier ausgestellt werden hat er selbst gesammelt und für die Ausstellungräume organisiert. Ohne eine Führung von ihm kann man, glaube ich, nur wenig inhaltlich aus dem Museumsbesuch mitnehmen.

Aber ohne eine Führung von Siegmund wäre mein Museumsbesuch aber auch eh nur halb so spannend und faszinierend gewesen. Zu jedem Ausstellungsstück hat er eine Geschichte und all diese Geschichten erzählt er als wäre er überall selbst dabei gewesen.

Ein Museum voller Geschichten

Siegmund liebt die Vergangenheit, die Geschichten, die sie erzählt, die Bedeutung, die sie für das Morgen hat. Aber er ist kein „Für immer Gestriger“, wie er es selbst bezeichnet. Er lebt ihm hier und jetzt mit einem Blick stets auf die Vergangenheit und mit den Gedanken immer in der Zukunft.

Kutsche

„Die Welt und ihre Entwicklungen sind wie ein Zahnrad, das sich immer weiter dreht. Das eine führt zum nächsten, führt zum nächsten.“ Selten habe ich einen Menschen getroffen, der sich an so viele Geschichten erinnern kann wie Siegmund. Wie ein Geschichtsschreiber erinnert er sich an die Geschichte Südtirols und mit seinem Museum, das er zusammen mit seinem Sohn leitet, erinnert er auch die anderen an diese Geschichten und zeigt auf wie die Welt Südtirols und seine Traditionen sich gewandelt haben.

Zeitreise

Nach unserem Besuch im Weinkeller fragt mich Siegmund, ob ich auch den Rest der Ausstellung sehen möchte. Da mein Zeitplan einen längeren Besuch in Kurtatsch ermöglichte, habe ich natürlich ja gesagt. Zum Glück, denn so konnte ich wirklich viel über Südtirol lernen.

Wie der Name des Museums schon sagt, haben Wolfgang und Siegmund das Museum zu einer Zeitreise gemacht. Es beginnt in der Steinzeit, mit einem Feuerstein, den man als Besucher auch selber ausprobieren kann. Nach ein paar Versuchen habe ich auch ich Funken sprühen können.Weinbergblick

Aber eigentlich fängt alles wirklich mit einer Zeitreise an. Die Ausstellungsstücke des Museums sind alt, aber der Geist des Museums ist jung. Überall gibt es kleine Special Effects und mulitmediale Features. Eines davon ist eine rückwärts laufende Uhr, die nur aus Zeigern besteht und eine Zeitreise darstellen soll.

Während der Führung greift Siegmund immer wieder auf eine kleine Fernbedienung zurück, mit der er die Technik um ihn herum bedienen kann. Nichts passiert einfach so. Somit kann während der Führung immer auf den Besucher und dessen Interessen und Geschwindigkeit eingegangen werden. Es ist eine sehr persönliche Reise in die Vergangenheit

Ausstellungsstücke

Das Museum ist voller toller Ausstellungsstücke. Jeder Besucher wird hier neues über Handwerk, Tradition und Südtirol erfahren – egal ob Tourist oder Einheimischer. Ich kann gar nicht alles aufzählen und auflisten, dass ich gesehen und gelernt habe. Wirklich erfassen kann das nur ein eigener Besuch. Aber ein paar Geschichten, habe ich Dir trotzdem mitgebracht.

Weinrebe-alt

Südtriol war früher ein Getreideland, inzwischen aber ist der Weinbau wichtiger geworden. Das sieht man auch, wenn man über die Hofmauer des Museums blickt und ein Meer von Weinreben sieht. Im Museum steht zum Beispiel ein altes Konstrukt, an dem schon früher Wein hochwachsen sollte. Wie mir Siegmund erzählt, ganz ohne Eisen oder Metall zusammen gebaut.

Weinrebe-heute

Heute werden sie noch ähnlich verwendet. Davon kann man sich direkt nach dem Museumsbesuch überzeugen, denn nur wenige Meter vom Eingang entfernt, beginnt ein wunderschöner Wanderweg durch die Weinreben.

Spinning Jenny

Ein besonders Schmuckstück in Siegmunds Museum ist die Spinning Jenny. Spinning Jenny (oder einfach nur Jenny) ist der Name der ersten industriellen Spinnmaschine zum Verspinnen von Wolle zu Garn. Die Maschine ähnelte auf den ersten Blick einem Spinnrad mit allerdings bis zu 100 Spindeln; sie arbeitete im Gegensatz dazu ähnlich wie die Handspindel nach dem Absetzverfahren.

Webstuhl

Die Jenny gilt mit ihrem hohen Zuwachs an Produktivität gegenüber dem Spinnrad als ein Meilenstein der industriellen Revolution und der Technikgeschichte. Und die einzige noch bestehende Jenny Italiens steht im Museum Zeitreise Mensch.

Siegmund ist stolz, so etwas Schulklassen und anderen Besuchen vorführen zu können. Aber er möchte nicht nur die schönen Erinnerungen bewahren. „Ich möchte keine negative Vergangenheit unterschlagen“. Hinter der Tür Weinbau findet man daher eine große Sammlung von Giftstoffen und Sprühflaschen. Darunter auch viele Gifte, die über die Zeit hinweg zum Düngen verwendet wurden und inzwischen nicht nur verpönt, sondern auch verboten sind.

91 Jahre altes Auto

Wir sind am Ende der Ausstellung und damit wieder am Tresen am Eingang angekommen. Dahinter noch immer die weiße Plane, die etwas abzudecken scheint. Und ich bin mir sicher, hier versteckt sich noch eine weitere Geschichte. Siegmund lässt sich nicht zweimal bitten, auch noch dieses Geheimnis zu lüften.

Die Plane ist mit starken Seilen befestigt, die Siegmund mit einem Knopf automatisch hochziehen kann. Darunter: Zwei wunderschön glänzende, alte Oldtimer. Beide mit Bozaner Kennzeichen. Zu dem blauen Auto berichtet mir Siegmund freudig: „Das Auto ist 91 Jahre alt, wir haben noch das Original Buch dazu. Daher wissen wir, dass das noch das Original Kennzeichen ist. Es gehörte zuerst der Bozener Brauerei und jetzt steht es bei uns.“

Oldtimer

Die Ausstellung ist zu Ende und ich habe das dringende Bedürfnis mein Notizbuch rauszuziehen und alles nieder zu schreiben, was gerade über mich gekommen ist. Mit einem letzten Klick auf seine Fernbedienung drehen sich hinter Siegmund wieder weiße Zeiger im Kreis. Dieses Mal im Uhrzeigersinn, denn wir sind wieder in der Gegenwart angekommen.

Man kann Stunden im Museum Zeitreise Mensch verbringen. Siegmund weiß das auch. Zu Beginn der Ausstellung sagte er zu mir: „Sagen Sie mir, was Sie besonders interessiert, sonst rede ich immer weiter.“

Unverpackt-Einkaufsladen

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born in 1990 in Wiesbaden, studies Cultural and Communicatuin Studies, Literature and Publishing at the Johannes Gutenberg-University Mainz. She worked as a freelancer for several German newspaper. This fall she spends at the University of Memphis as an exchange student.

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